Hallux valgus (Ballenzeh)

Was ist ein Hallux valgus (Ballenzeh)?

Hallux valgus (aus dem Lateinischen: *hallux* = großer Zeh, *valgus* = nach außen gebogen) ist eine häufige Fußdeformität, die durch eine laterale Abweichung (nach außen, in Richtung des zweiten Zehs) des großen Zehs (Hallux) relativ zum ersten Mittelfußknochen gekennzeichnet ist (1, 2). Diese Abweichung tritt am ersten Metatarsophalangealgelenk (MTP-Gelenk), dem Gelenk an der Basis des großen Zehs, auf.

Wenn sich der große Zeh nach außen neigt, tritt der Kopf des ersten Mittelfußknochens an der inneren (medialen) Seite des Fußes stärker hervor. Dieser markante Höcker wird allgemein als Ballenzeh bezeichnet (1). Der Ballenzeh selbst kann eine Vergrößerung des Knochens (Exostose) und/oder eine Entzündung des darüber liegenden Schleimbeutels (Bursa) umfassen, was zu Schmerzen, Rötungen und Schwellungen führt (2, 3).

Daher bezieht sich Hallux valgus auf die Winkelstellung des Zehs, während der Ballenzeh die resultierende Prominenz an der Basis des Zehs ist.

Der Fuß besteht aus Fußwurzelknochen, Mittelfußknochen und Zehenknochen. Der Hallux valgus betrifft den ersten Mittelfußknochen und die Zehenknochen des großen Zehs (1).

Ursachen und Risikofaktoren

Die Entwicklung eines Hallux valgus ist oft multifaktoriell und beinhaltet eine Kombination aus intrinsischen und extrinsischen Faktoren (1, 2, 4):

  • Genetik/Vererbung: Eine familiäre Vorbelastung ist häufig, was auf eine genetische Prädisposition in Bezug auf Fußstruktur, Bänderschlaffheit oder Biomechanik hindeutet (1, 4).
  • Schuhwerk: Das Tragen von engen, spitzen und/oder hochhackigen Schuhen ist stark mit der Entwicklung und dem Fortschreiten des Hallux valgus verbunden, insbesondere bei Frauen. Diese Schuhe quetschen die Zehen und erhöhen den Druck auf den Vorfuß (1, 2, 4).
  • Fußstruktur und Biomechanik: Bestimmte Fußtypen, wie Plattfüße (Pes planus) oder übermäßige Pronation (Einwärtsrollen des Fußes), können die Kräfte über das erste MTP-Gelenk verändern und zur Deformität beitragen (1). Ein kurzer oder erhöhter erster Mittelfußknochen kann ebenfalls eine Rolle spielen.
  • Bänderschlaffheit: Eine allgemeine Lockerheit der Bänder kann den Fuß anfälliger für Verformungen unter Belastung machen.
  • Arthritische Erkrankungen: Entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis können das Gelenk schädigen und zu Deformitäten führen (1).
  • Alter: Die Prävalenz steigt mit dem Alter.
  • Geschlecht: Hallux valgus kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern, was wahrscheinlich zu einem großen Teil auf die Wahl des Schuhwerks zurückzuführen ist (1, 4).

Hinweis: Die komplexen biomechanischen Beschreibungen, die Pronation, Supination, spezifische Gelenkaktionen (Lisfranc usw.) und Muskelspannungen (Abductor hallucis, Extensoren) umfassen, sind detaillierte Theorien darüber, wie Faktoren wie Plattfüße beitragen könnten, aber die genaue Abfolge und Bedeutung jedes Elements kann diskutiert werden und ist schwer genau zu vereinfachen. Das Kernproblem betrifft abnormale Kräfte, die zu einer medialen Abweichung des ersten Mittelfußknochens und einer lateralen Abweichung des Hallux führen.

Klinische Manifestationen und Symptome

Patienten stellen sich typischerweise mit einem oder mehreren der folgenden Symptome vor (1, 3):

  • Sichtbarer Ballenzeh: Ein Höcker an der medialen Seite des ersten MTP-Gelenks.
  • Schmerzen: Oft lokalisiert über dem Ballenzeh, verschlimmert durch Schuhdruck oder Aktivität. Schmerzen können auch im Gelenk selbst auftreten.
  • Rötung und Schwellung: Aufgrund von Bursitis oder Entzündung über dem Ballenzeh.
  • Abweichung des großen Zehs: Der Hallux zeigt lateral in Richtung des zweiten Zehs und überlappt oder unterlappt diesen manchmal.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Steifheit oder reduzierte Bewegung am ersten MTP-Gelenk (Hallux limitus oder rigidus können manchmal koexistieren oder sich entwickeln) (1).
  • Schwierigkeiten mit Schuhwerk: Probleme, bequeme Schuhe zu finden, die den Ballenzeh nicht reizen.
  • Hautveränderungen: Schwielen oder Hühneraugen können sich über dem Ballenzeh, unter dem zweiten Mittelfußköpfchen (aufgrund veränderter Gewichtsbelastung) oder zwischen überlappenden Zehen bilden.
  • Nervenreizung: Taubheitsgefühl oder Kribbeln kann auftreten, wenn der mediale Hautnerv durch den Ballenzeh oder enge Schuhe komprimiert wird.

Begleitende Fußerkrankungen

Hallux valgus tritt oft zusammen mit anderen Fußproblemen auf oder trägt zu diesen bei (1, 3):

  • Deformitäten der kleineren Zehen: Hammerzehen, Krallenzehen oder Mallet-Zehen, insbesondere des zweiten Zehs aufgrund des Drucks durch den abweichenden Hallux.
  • Metatarsalgie: Schmerzen unter dem Fußballen (Mittelfußköpfchen), oft unter dem zweiten Mittelfußköpfchen, aufgrund veränderter Gewichtsverteilung (Transfer-Metatarsalgie). Hier können sich plantare Schwielen bilden.
  • Bunionette (Schneiderballen): Eine ähnliche Prominenz an der Außenseite des Fußes an der Basis des fünften Zehs (fünftes MTP-Gelenk).
  • Mittelfußarthrose: Veränderungen der Vorfußmechanik können im Laufe der Zeit zu Arthrose in den Mittelfußgelenken beitragen.
  • Eingewachsene Zehennägel: Erhöhter Druck zwischen den Zehen kann dazu beitragen.

Untersuchung und Diagnose

Die Diagnose wird typischerweise durch eine klinische Untersuchung gestellt und durch bildgebende Verfahren bestätigt (1, 5):

  • Klinische Untersuchung:
    • Inspektion: Beurteilung des Grades der Hallux-Abweichung, der Prominenz des Ballenzehs, des Hautzustands und des Vorhandenseins von Begleitdeformitäten (kleinere Zehen).
    • Palpation: Identifizierung von Druckempfindlichkeit (über dem Ballenzeh, im Gelenk, unter den Mittelfußköpfchen), Beurteilung der Gelenkflexibilität/-steifheit (Bewegungsumfang des ersten MTP-Gelenks) und Prüfung auf Krepitation.
    • Ganganalyse: Beobachtung, wie sich die Deformität auf das Gehen auswirkt.
    • Schuhwerk-Bewertung: Beurteilung der Passform und der Abnutzungsmuster von Schuhen.
  • Röntgenaufnahmen: Belastungsaufnahmen des Fußes im anterior-posterioren (AP), lateralen und manchmal schrägen Strahlengang sind unerlässlich (1, 5). Sie ermöglichen die Messung wichtiger Winkel zur Beurteilung des Schweregrads der Deformität und zur Behandlungsplanung:
    • Hallux-valgus-Winkel (HVA): Winkel zwischen den Längsachsen des ersten Mittelfußknochens und der proximalen Phalanx des Hallux. Normal <15°.
    • Intermetatarsalwinkel (IMA): Winkel zwischen den Längsachsen des ersten und zweiten Mittelfußknochens. Normal <9°. Zeigt den Grad der Spreizung an (Metatarsus primus varus).
    • Distaler metatarsaler Gelenkwinkel (DMAA) oder PASA: Winkel der Gelenkfläche des ersten Mittelfußköpfchens relativ zu seiner Längsachse. Zeigt die Gelenkorientierung an.
    • Beurteilung der Gelenkkongruenz, Arthrose, Sesambeinposition und Deformitäten der kleineren Zehen.
Röntgenaufnahmen unter Belastung sind entscheidend für die Beurteilung der Hallux-valgus-Deformität und die Messung von Winkeln wie HVA und IMA (1, 5).

Schweregrad-Einteilung (häufig verwendet): Basiert hauptsächlich auf HVA- und IMA-Winkeln (Definitionen können leicht variieren) (5):

  • Leicht: HVA 15-20°, IMA 9-11°
  • Mittel: HVA 21-39°, IMA 12-17°
  • Schwer: HVA ≥40°, IMA ≥18°

Leichter Hallux valgus

Mittelschwerer Hallux valgus

Schwerer Hallux valgus

Konservative Behandlung

Die nicht-chirurgische Behandlung zielt darauf ab, Symptome zu lindern und das Fortschreiten möglicherweise zu verlangsamen, korrigiert jedoch nicht die zugrunde liegende Knochendeformität (1, 6). Sie ist oft der erste Ansatz, insbesondere bei leichten/mittelschweren Symptomen.

  • Schuhanpassung: Tragen von Schuhen mit einer breiten, tiefen Zehenbox, weichen Obermaterialien und niedrigen Absätzen, um den Druck auf den Ballenzeh und den Vorfuß zu reduzieren. Vermeidung von engen, spitzen oder hochhackigen Schuhen (1, 6).
  • Polsterung und Schutz: Verwendung von Gel- oder Moleskin-Polstern über dem Ballenzeh, um Reibung und Druck durch Schuhe zu reduzieren.
  • Orthesen: Maßgefertigte oder rezeptfreie Fußgewölbestützen oder Einlegesohlen können helfen, abnormale Fußmechaniken (wie Pronation) zu kontrollieren und die Fußfunktion zu verbessern, was möglicherweise die Belastung des MTP-Gelenks verringert (1, 6).
  • Zehenspreizer/Schienen: Geräte, die zwischen dem großen und dem zweiten Zeh getragen werden, oder Nachtschienen, die darauf abzielen, den Zeh neu auszurichten. Die Evidenz für eine langfristige Korrektur ist begrenzt, aber sie können bei einigen Patienten eine vorübergehende Linderung der Symptome bewirken (1).
  • Aktivitätsanpassung: Vermeidung von Aktivitäten, die Schmerzen verschlimmern.
  • Eisanwendung: Kann Entzündungen und Schmerzen nach Aktivität reduzieren.
  • Medikamente: Orale NSAR (z. B. Ibuprofen) oder topische Entzündungshemmer gegen Schmerzen und Entzündungen (1). Kortikosteroid-Injektionen in den Schleimbeutel oder manchmal in das Gelenk können bei akuter Entzündung vorübergehende Linderung verschaffen, werden aber mit Vorsicht angewendet (1).
  • Physiotherapie: Dehnübungen (z. B. für verspannte Wadenmuskeln) und Kräftigungsübungen für die intrinsische Fußmuskulatur können als Teil der allgemeinen Fußpflege vorteilhaft sein, haben jedoch nur begrenzte direkte Auswirkungen auf die Deformität selbst.

Chirurgische Behandlung

Chirurgie wird in Betracht gezogen, wenn konservative Maßnahmen keine ausreichende Schmerzlinderung bieten und die Deformität die Lebensqualität oder Funktion erheblich beeinträchtigt (1, 7). Die Ziele sind die Linderung von Schmerzen, die Korrektur der Deformität und die Wiederherstellung der normalen Fußmechanik.

  • Indikationen: Anhaltende Schmerzen, Schwierigkeiten bei der Schuhfindung, fortschreitende Deformität, begleitende Probleme der kleineren Zehen, funktionelle Einschränkungen (1). Eine Operation wird im Allgemeinen nicht nur aus kosmetischen Gründen empfohlen.
  • Verfahrenswahl: Es gibt über 100 verschiedene beschriebene chirurgische Verfahren. Die Wahl hängt vom Schweregrad der Deformität (Winkel auf dem Röntgenbild), der Gelenkkongruenz, dem Vorhandensein von Arthrose, dem Alter des Patienten, dem Aktivitätsniveau und der Präferenz des Chirurgen ab (1, 7). Gemeinsame Prinzipien umfassen:
    • Entfernung der knöchernen Prominenz (Bunionektomie).
    • Neuausrichtung des ersten Mittelfußknochens relativ zu den anderen Mittelfußknochen (Osteotomie). Häufige Arten umfassen distale Osteotomien (z. B. Chevron, Mitchell) für leichte/mittelschwere Deformitäten und proximale Osteotomien (z. B. Scarf, Basis-Keil, Lapidus-Arthrodese) für mittelschwere/schwere Deformitäten mit größeren IMAs (7).
    • Neuausrichtung des großen Zehs relativ zum Mittelfußknochen (kann eine Phalangealosteotomie beinhalten - Akin).
    • Lösen von straffen Weichteilen (laterales Release) und Straffen von lockeren Weichteilen (mediale Kapselraffung).
    • Arthrodese (Gelenkfusion): Die Fusion des ersten MTP-Gelenks oder des ersten Tarsometatarsalgelenks (Lapidus) kann bei schwerer Deformität, Arthrose oder Instabilität indiziert sein (7).
  • Fixierung: Osteotomien und Fusionen werden typischerweise intern mit Schrauben, Platten oder Stiften fixiert.
  • Minimalinvasive Chirurgie (MIS): Techniken mit kleineren Schnitten werden für bestimmte Deformitäten immer häufiger eingesetzt und bieten möglicherweise eine schnellere Genesung, erfordern jedoch eine spezielle Ausbildung und Instrumentierung (1).
  • Postoperative Pflege: Variiert je nach Verfahren, umfasst aber in der Regel eine Phase der geschützten Gewichtsbelastung (oft in einem speziellen Schuh oder Stiefel), Hochlagern, Kühlen, Schmerzbehandlung und schließlich Physiotherapie. Die vollständige Genesung kann mehrere Monate dauern (1, 7). Mögliche Komplikationen bestehen, einschließlich Rezidiv, Steifheit, Infektion, Nervenverletzung und Pseudarthrose/Fehlstellung von Osteotomien.

Die Wahl des richtigen chirurgischen Verfahrens und eine sorgfältige Ausführung sind entscheidend für erfolgreiche Ergebnisse.

Differentialdiagnose

Schmerzen im Bereich des ersten MTP-Gelenks können auch verursacht werden durch (1, 8):

Erkrankung Wichtige Unterscheidungsmerkmale
Gicht Akuter, schwerer Beginn von intensiven Schmerzen, Rötung, Schwellung, oft das erste MTP-Gelenk betreffend (Podagra). Assoziiert mit Hyperurikämie. Diagnose bestätigt durch den Nachweis von Uratkristallen in der Gelenkflüssigkeit.
Hallux rigidus/limitus Arthrose, die primär das erste MTP-Gelenk betrifft und zu Steifheit (insbesondere eingeschränkte Dorsalextension) und Schmerzen führt. Kann einen dorsalen Ballenzeh (Höcker oben) aufweisen. Hallux-valgus-Deformität kann minimal sein oder fehlen.
Sesamoiditis Entzündung oder Fraktur der kleinen Sesambeine unter dem ersten Mittelfußköpfchen. Schmerzen lokalisiert direkt unter dem MTP-Gelenk, schlimmer beim Abstoßen oder bei der Zehenstreckung.
Septische Arthritis Infektion im Gelenk. Akuter Beginn von starken Schmerzen, Schwellung, Rötung, Überwärmung, Unfähigkeit zur Gewichtsbelastung, oft mit Fieber. Erfordert eine dringende Gelenkpunktion.
Turf Toe (Rasenballerzeh) Verstauchung der Bänder um das erste MTP-Gelenk, meist aufgrund einer Hyperextensionsverletzung. Akute Schmerzen, Schwellung, eingeschränkte Bewegung.
Adventitielle Bursitis Entzündung des Schleimbeutels über der medialen Eminenz (Ballenzeh) ohne signifikante zugrunde liegende Gelenkdeformität zu Beginn. Schmerzen und Schwellung auf den Höcker lokalisiert.

Referenzen

  1. Coughlin MJ, Jones CP. Hallux valgus: demographics, etiology, and radiographic assessment. Foot Ankle Int. 2007;28(7):759-777. doi:10.3113/FAI.2007.0759
  2. Dayton P (Ed). Evidence-Based Bunion Surgery: A Critical Examination of Current and Emerging Concepts and Techniques. Springer; 2018. (Comprehensive overview)
  3. Ferrari J, Higgins JP, Prior TD. Interventions for treating hallux valgus (bunions) and simple bunions. Cochrane Database Syst Rev. 2004;(1):CD000964. doi:10.1002/14651858.CD000964.pub2 (Older review, context)
  4. Cho NH, Kim S, Kwon DJ, Kim HA. The prevalence of hallux valgus and its association with foot pain and function in a rural Korean community. J Bone Joint Surg Br. 2009;91(4):494-498. doi:10.1302/0301-620X.91B4.21920
  5. Smith RW, Reynolds JC, Stewart MJ. Hallux valgus assessment: report of research committee of American Orthopaedic Foot and Ankle Society. Foot Ankle. 1984;5(2):92-103. doi:10.1177/107110078400500209 (Classic reference for angles)
  6. Torkki M, Malmivaara A, Seitsalo S, Hoikka V, Laippala P, Paavolainen P. Surgery vs orthosis vs watchful waiting for hallux valgus: a randomized controlled trial. JAMA. 2001;285(19):2474-2480. doi:10.1001/jama.285.19.2474
  7. Robinson AH, Limbers JP. Modern concepts in the treatment of hallux valgus. J Bone Joint Surg Br. 2005;87(8):1038-1045. doi:10.1302/0301-620X.87B8.16467
  8. Shurnas PS. Hallux rigidus: etiology, biomechanics, and nonoperative treatment. Foot Ankle Clin. 2009;14(1):1-8. doi:10.1016/j.fcl.2008.11.001 (Differential diagnosis context)