Gelenkluxation
- Übersicht über Gelenkluxationen
- Traumatische Gelenkluxationen
- Diagnose und Symptome der Gelenkluxation
- Klinische Manifestationen und Folgen der Gelenkluxation
- Behandlung der traumatischen Gelenkluxation
- Rezidivierende oder habituelle Gelenkluxation
- Angeborene Gelenkluxation
- Paralytische Gelenkluxation
- Pathologische Gelenkluxation
- Differentialdiagnose von Gelenkverletzungen
Übersicht über Gelenkluxationen
Die Gelenkluxation (lateinisch: luxatio), auch Verrenkung genannt, bezeichnet die vollständige Trennung der Gelenkflächen von Knochen, die normalerweise ein Gelenk bilden [1]. Dies geht typischerweise mit Schäden wie dem Riss der umgebenden Gelenkkapsel und der Bänder einher [1]. Eine unvollständige Luxation, bei der die Gelenkflächen nur teilweise getrennt oder verschoben sind, wird als Subluxation bezeichnet [1]. Wenn die Gelenkbewegung ihren normalen physiologischen Bereich überschreitet und Kapsel sowie Bänder überdehnt werden, die Gelenkflächen aber im Wesentlichen in Kontakt bleiben, spricht man eher von einer schweren Verstauchung oder einer vorübergehenden Verschiebung als von einer echten Luxation [1].
Während sich der Begriff "Luxation" manchmal auf die Verschiebung von Weichteilen wie Nerven oder Sehnen beziehen kann, impliziert er in der Regel die Unterbrechung einer knöchernen Gelenkverbindung [1].
Gelenkluxationen werden grob nach ihrer Ursache eingeteilt [1]:
Traumatische Gelenkluxationen
Traumatische Luxationen entstehen durch äußere Krafteinwirkungen, die die normalen strukturellen Grenzen des Gelenks überschreiten [1]. Mehrere Faktoren prädisponieren Personen für diese Verletzungen [1]:
- Geschlecht & Aktivität: Männer erleiden 4- bis 5-mal häufiger Luxationen als Frauen (mit Ausnahme von Kieferluxationen), was wahrscheinlich auf eine höhere Beteiligung an körperlicher Arbeit und Kontaktsportarten zurückzuführen ist.
- Alter: Luxationen treten am häufigsten zwischen dem 20. und 60. Lebensjahr auf. Ähnliche Krafteinwirkungen bei Personen unter 20 Jahren führen oft zu Epiphysenlösungen (Verletzungen der Wachstumsfuge), während sie bei älteren Erwachsenen häufiger Frakturen in Gelenknähe verursachen.
- Anatomie: Gelenke mit inhärenten Schwächen (z. B. Kapselanteile, die nicht durch Bänder oder Muskeln verstärkt sind) sind anfälliger. Kugelgelenke wie die Schulter, die eine weitreichende Bewegung ermöglichen, sind besonders anfällig für Luxationen.
Gelenkluxationen sind insgesamt deutlich seltener als Frakturen (sie treten etwa 1/9 so oft auf) [1]. Dies unterstreicht die relative Stabilität der Gelenke in der Wirbelsäule und den unteren Gliedmaßen, die für die Gewichtsbelastung angepasst sind. Umgekehrt machen die oberen Gliedmaßen, die eher auf Mobilität als auf Stabilität ausgelegt sind, über 90 % der Luxationen aus, die oft durch Stürze auf die Hand entstehen [1].
Der Mechanismus einer traumatischen Luxation umfasst typischerweise drei Komponenten [1]:
- Äußere Krafteinwirkung: Meist indirekt (z. B. Sturz auf den ausgestreckten Arm, was eine Schulterluxation verursacht). Die Kraft hebelt den Knochen über seinen normalen Bewegungsradius hinaus, prallt auf knöcherne Vorsprünge oder dehnt Bänder, bis die Kapsel reißt. Das Knochenende verschiebt sich dann durch den Kapselriss. Direkte Krafteinwirkungen (ein Schlag oder Stoß) können ebenfalls eine Luxation verursachen, insbesondere wenn sie auf einen Schwachpunkt gerichtet sind, führen aber wahrscheinlicher zu Frakturen.
- Hebelwirkung: Die Knochen wirken als Hebel, wobei Drehpunkte an knöchernen Rändern oder straffen Bändern entstehen, die das Gelenk auseinanderdrücken.
- Muskelkontraktion: Nach der anfänglichen Verschiebung ziehen reflektorische Muskelkrämpfe an dem verschobenen Knochen und arretieren ihn oft in einer charakteristischen abnormen Position (typische Luxation). Diese Muskelkraft ist beträchtlich; die Reproduktion von Luxationen an Leichen (denen der Muskeltonus fehlt) ist viel schwieriger. Bei atypischen Luxationen ermöglicht ein ausgedehnter Kapselriss variable Muskelzüge, die den Knochen in ungewöhnliche Positionen bringen. Starke Muskelkontraktionen allein (z. B. bei epileptischen Anfällen) können manchmal Luxationen verursachen.
Muskelaktivität kann auch zu Begleitverletzungen beitragen, wie z. B. Abrissfrakturen, bei denen eine Sehne oder ein Band ein Knochenstück abreißt (z. B. Fraktur des Tuberculum majus bei Schulterluxation) [1].
Komplikationen: Neben Kapsel- und Bänderrissen können Luxationen durch Folgendes kompliziert werden [1, 2]:
- Schäden an umliegenden Muskeln und Sehnen.
- Neurovaskuläre Verletzung: Kompression oder Riss von nahegelegenen Nerven (verursacht Schmerzen, Taubheitsgefühl, Kribbeln - traumatische Neuropathie; oder Schwäche/Lähmung) und Blutgefäßen (verursacht Schwellungen, Hämatome oder potenziell gliedmaßenbedrohende Ischämie).
- Offene Luxation: Das verschobene Knochenende durchdringt die Haut, wodurch eine offene Wunde entsteht und das Infektionsrisiko steigt.
- Begleitfrakturen (Luxationsfraktur): Frakturen der Gelenkflächen oder benachbarter Knochenstrukturen können gleichzeitig auftreten.
Diagnose und Symptome der Gelenkluxation
Die Diagnose einer Gelenkluxation basiert oft auf charakteristischen klinischen Befunden [1, 2]:
- Schmerz: Meist stark zum Zeitpunkt der Verletzung, obwohl anhaltende Schmerzen weniger intensiv sein können als bei einer Fraktur, es sei denn, es wird eine Bewegung versucht.
- Deformität: Das Gelenk erscheint sichtbar verformt, mit einer abnormen Positionierung der Gliedmaße. Knöcherne Orientierungspunkte können sich an ungewöhnlichen Positionen befinden.
- Funktionsverlust: Unfähigkeit, das Gelenk normal zu bewegen.
- Fixierte Position: Die Gliedmaße wird aufgrund von Muskelkrämpfen und mechanischer Blockade oft starr in einer unnatürlichen Position gehalten.
- Federnder Widerstand: Versuche einer passiven Bewegung stoßen auf einen charakteristischen elastischen oder federnden Widerstand, was sie von der Krepitation (Reiben) oder der freien Beweglichkeit unterscheidet, die oft bei Frakturen zu finden ist.
- Schwellung & Bluterguss: Während eine Schwellung auftritt, können signifikante Blutergüsse (Hämorrhagien) weniger ausgeprägt sein als bei Frakturen, es sei denn, es liegen große Gefäßverletzungen oder Begleitfrakturen vor, da die intakte (wenn auch gerissene) Kapsel die Blutung etwas eindämmen kann.
- Veränderungen der Gliedmaßenlänge oder -achse: Die luxierte Gliedmaße kann kürzer oder länger erscheinen oder abnorm abgewinkelt sein, je nach Richtung der Verschiebung.
Röntgenaufnahmen sind unerlässlich, um die Diagnose zu bestätigen, die Richtung der Luxation zu bestimmen und Begleitfrakturen auszuschließen [1, 2]. In der Regel sind mehrere Ansichten erforderlich.
Klinische Manifestationen und Folgen der Gelenkluxation
Nach erfolgreicher Reposition (Wiedereinrichtung) einer unkomplizierten Luxation verläuft die Heilung im Allgemeinen gut, ähnlich wie bei anderen Weichteilverletzungen [1]. Eine leichte Synovitis (Gelenkentzündung) und ein Erguss klingen typischerweise innerhalb von 2-3 Wochen ab [1].
Es bestehen jedoch potenzielle Komplikationen und Langzeitfolgen [1, 2]:
- Rezidivierende (habituelle) Luxation: Wenn die Gelenkkapsel und die Bänder in einem gedehnten oder geschwächten Zustand heilen (oft aufgrund unzureichender Ruhigstellung oder vorzeitiger Rückkehr zu anstrengenden Aktivitäten), kann das Gelenk instabil werden und bei minimaler Krafteinwirkung erneut luxieren. Nervenschäden, die zu Muskelschwäche führen, können ebenfalls dazu beitragen.
- Chronische Luxation: Wenn eine Luxation nicht reponiert wird, kann der Körper versuchen, ein falsches Gelenk (Neoarthrose) um das verschobene Knochenende herum zu bilden, wobei faseriges Gewebe die ursprüngliche Gelenkpfanne ausfüllt. Dies kann eine gewisse, oft schmerzhafte, Funktion bieten.
- Steifheit/Eingeschränkte Beweglichkeit: Längere Ruhigstellung oder erhebliche Weichteilschäden können zu Gelenksteifheit (Arthrofibrose) führen.
- Posttraumatische Arthritis: Schäden am Gelenkknorpel während der Luxation oder eine anschließende Instabilität können zu vorzeitiger degenerativer Arthritis führen.
- Avaskuläre Nekrose (AVN): Eine Unterbrechung der Blutversorgung des Knochenendes (insbesondere bei Hüft- oder Talusluxationen) kann zum Absterben des Knochens führen.
- Persistierende Neuropathie: Nervenschäden erholen sich möglicherweise nicht vollständig.
Die Prognose für eine frische, unkomplizierte Luxation, die umgehend behandelt wird, ist im Allgemeinen günstig [1]. Komplikationen wie Begleitfrakturen, erhebliche Bänderschäden, Nervenverletzungen oder eine verzögerte Behandlung verschlechtern jedoch die Aussichten hinsichtlich der Rückkehr zur vollen Funktion und der langfristigen Gelenkgesundheit erheblich [1, 2]. Offene Luxationen bergen das zusätzliche Risiko einer Infektion [1].
Behandlung der traumatischen Gelenkluxation
Die primäre Behandlung einer akuten traumatischen Luxation ist die dringende Reposition (Rückführung der Knochen in ihre normale Ausrichtung), gefolgt von Ruhigstellung und anschließender Rehabilitation [1, 2].
- Reposition (Wiedereinrichtung):
- Zeitpunkt: Sollte so schnell wie möglich durchgeführt werden. Verzögerungen erhöhen Muskelkrämpfe, Schwellungen und Schwierigkeiten und können neurovaskuläre Strukturen gefährden. Während einige Luxationen nach Wochen reponiert werden können, sinken die Erfolgsraten im Laufe der Zeit erheblich (insbesondere bei Gelenken der unteren Gliedmaßen und komplexen Gelenken).
- Methode: Spezifische Techniken variieren je nach betroffenem Gelenk. Das allgemeine Prinzip besteht darin, den Verletzungsmechanismus umzukehren, indem Zug und manipulative Manöver angewendet werden, um die Knochenenden zu lösen und sie wieder an ihren Platz zu führen. Sanfte, stetige Bewegungen werden roher Gewalt vorgezogen.
- Anästhesie/Analgesie: Eine angemessene Schmerzlinderung und Muskelentspannung (mittels prozeduraler Sedierung, Regionalanästhesie oder Vollnarkose) sind entscheidend für eine erfolgreiche und weniger traumatische Reposition.
- Beurteilung nach Reposition: Nach der Reposition sind klinische Stabilität, neurovaskulärer Status und radiologische Bestätigung (Röntgen) unerlässlich.
- Ruhigstellung: Nach der Reposition wird das Gelenk ruhiggestellt (z. B. mit einer Schlinge, Schiene, einem Gips oder einer Orthese), damit die gerissene Kapsel und die Bänder heilen können. Die Dauer variiert:
- Einfache, stabile Luxationen: Oft 1-3 Wochen.
- Komplexere oder instabile Luxationen: Können 3-6 Wochen oder länger erfordern.
- Rehabilitation: Unerlässlich für die Wiederherstellung der Funktion und die Vermeidung von Komplikationen. Beginnt nach der Ruhigstellungsphase (oder früher mit kontrollierten Bewegungsorthesen). Umfasst:
- Progressive Bewegungsübungen.
- Kräftigungsübungen für die umliegende Muskulatur.
- Propriozeptives Training (Verbesserung des Gelenklagesinns).
- Therapeutische Modalitäten (z. B. Wärme, Eis).
- Physiotherapie: Modalitäten wie Ultraschall (UHF), Kurzwellendiathermie (SWD), Elektrostimulation (SMT - Sinusoidal modulierte Ströme) können zur Behandlung von Schmerzen und Schwellungen sowie zur Förderung der Heilung eingesetzt werden.
- Therapeutische Massage: Kann helfen, Muskelkater und Steifheit während der Genesung zu lindern.
Die Rückkehr zur vollen Aktivität, insbesondere zu Sport oder schwerer Arbeit, sollte schrittweise und erst nach ausreichender Heilung und Rehabilitation erfolgen, was typischerweise mehrere Wochen bis Monate dauert [1]. Eine vorzeitige Rückkehr erhöht das Risiko einer erneuten Verletzung und einer habituellen Luxation [1].
Chronische/Irreponible Luxationen: Versuche einer geschlossenen Reposition können bei Luxationen, die bis zu 1-2 Monate alt sind, noch gerechtfertigt sein, erfordern jedoch oft eine kräftige (aber vorsichtige) Manipulation unter Narkose, um Verwachsungen zu lösen [1]. Wenn die geschlossene Reposition fehlschlägt oder sich keine funktionelle Neoarthrose bildet, kann eine Operation in Betracht gezogen werden [1]. Zu den Optionen gehören die offene Reposition, Osteotomie (Knochendurchtrennung/-neuausrichtung) oder Arthrodese (Gelenkversteifung), abhängig vom Gelenk und patientenspezifischen Faktoren [1]. Operationen bei chronischen Luxationen bergen höhere Risiken [1].
Komplizierte Luxationen: Begleitfrakturen können eine chirurgische Fixierung (ORIF) erfordern [1, 2]. Offene Luxationen erfordern ein gründliches Debridement und eine Antibiotikabehandlung [1]. Erhebliche neurovaskuläre Verletzungen können eine spezifische chirurgische Reparatur erforderlich machen [1, 2].
Rezidivierende oder habituelle Gelenkluxation
Habituelle Luxationen treten auf, wenn ein Gelenk instabil wird und bei minimalem oder keinem Trauma wiederholt luxiert [1]. Dies folgt typischerweise auf eine anfängliche traumatische Luxation, bei der die Kapsel und die Bänder unzureichend verheilt sind und gedehnt oder gerissen bleiben [1]. Zu den beitragenden Faktoren gehören eine unzureichende anfängliche Ruhigstellung, eine vorzeitige Rückkehr zur Aktivität, eine angeborene Bänderschlaffheit oder Begleitverletzungen wie Nervenschäden, die zu Muskelschwäche führen (z. B. Verletzung des Nervus axillaris nach Schulterluxation) [1].
Allgemeine Faktoren wie schwere Infektionen oder Mangelernährung können ebenfalls das Gewebe schwächen und für Instabilität prädisponieren [1]. Habituelle Luxationen treten am häufigsten an der Schulter, der Patella, dem Daumengrundgelenk und gelegentlich am Kiefer auf [1].
Die Behandlung erfordert oft einen chirurgischen Eingriff zur Wiederherstellung der Stabilität durch Reparatur oder Straffung der beschädigten Bänder und der Kapsel (z. B. Bankart-Reparatur für die Schulter, MPFL-Rekonstruktion für die Patella) [1, 2].
Angeborene Gelenkluxation
Angeborene Luxationen sind bei der Geburt vorhanden und resultieren aus einer abnormen Gelenkentwicklung während der Schwangerschaft, im Gegensatz zu Luxationen, die durch ein Geburtstrauma verursacht werden [1]. Die Hüftdysplasie (Developmental Dysplasia of the Hip, DDH) ist das häufigste Beispiel und tritt bei Mädchen viel häufiger auf [1]. Sie beinhaltet eine unzureichende Ausbildung der Hüftpfanne (Acetabulum) und/oder des Femurkopfes [1].
Symptome der DDH werden oft erst deutlich, wenn das Kind zu laufen beginnt [1]:
- Beinlängendifferenz (das betroffene Bein erscheint kürzer).
- Asymmetrische Hautfalten am Oberschenkel oder Gesäß.
- Eingeschränkte Hüftabduktion (Schwierigkeiten beim Spreizen der Beine).
- Watschelgang ("Entengang"), besonders wenn beidseitig.
- Positives Trendelenburg-Zeichen: Beim Stehen auf dem betroffenen Bein sinkt das Becken auf der gegenüberliegenden Seite ab, was auf eine Insuffizienz der Gesäßmuskulatur aufgrund der abnormen Hüftmechanik zurückzuführen ist.
- Eine verstärkte Lendenlordose (Hohlkreuz) kann sich als Kompensation entwickeln.
Die Diagnose umfasst eine klinische Untersuchung (Ortolani-, Barlow-Manöver bei Säuglingen) und bildgebende Verfahren (Ultraschall im frühen Säuglingsalter, Röntgenaufnahmen nach ca. 4-6 Monaten) [1]. Eine frühzeitige Behandlung (z. B. Pavlik-Bandage) zielt darauf ab, eine nicht-operative Reposition zu erreichen und eine normale Gelenkentwicklung zu ermöglichen [1]. Die Reposition wird mit zunehmendem Alter schwieriger, da sekundäre Veränderungen auftreten (Kapselverengung, Muskelverkürzung) [1]. Bei älteren Säuglingen oder Kleinkindern kann eine geschlossene oder offene Reposition und ein Gipsverband (Becken-Bein-Gips) erforderlich sein [1]. Eine unbehandelte DDH führt zu erheblichen Gangstörungen, Schmerzen und frühzeitiger Arthritis [1].
Angeborene Luxationen können selten andere Gelenke wie das Knie oder die Schulter betreffen, manchmal in Verbindung mit Geburtsverletzungen von Nerven wie dem Plexus brachialis [1].
Paralytische Gelenkluxation
Paralytische Luxationen treten auf, wenn eine Muskellähmung um ein Gelenk zu einem Verlust der dynamischen Stabilität führt [1]. Die Gelenkkapsel dehnt sich im Laufe der Zeit durch die Schwerkraft und die ungehinderten Kräfte der verbleibenden Muskeln, wodurch sich die Knochen verschieben können [1]. Dies tritt am häufigsten bei Gelenken mit großem Bewegungsumfang wie Schulter und Hüfte auf, oft bei Erkrankungen wie Poliomyelitis, Schlaganfall oder Rückenmarksverletzungen [1].
Die Behandlung konzentriert sich auf die Behandlung der zugrunde liegenden neurologischen Erkrankung, die Stützung durch Orthesen und manchmal auf chirurgische Eingriffe wie Sehnentransfers oder Arthrodesen (Gelenkversteifungen), um Stabilität zu gewährleisten [1].
Pathologische Gelenkluxation
Pathologische Luxationen resultieren aus der Schwächung oder Zerstörung der Gelenkstrukturen (Knochen, Knorpel, Kapsel, Bänder) durch einen zugrunde liegenden Krankheitsprozess, wie z. B. [1]:
- Infektion: Septische Arthritis (bakterielle Infektion) oder Tuberkulose können Gelenkknorpel und Knochen zerstören.
- Entzündliche Arthritis: Schwere rheumatoide Arthritis kann Knochen und Bänder erodieren.
- Tumore: Knochentumore in Gelenknähe können die Knochenstruktur schwächen.
- Neuropathische Arthropathie (Charcot-Gelenk): Gefühlsverlust führt zu wiederholten Traumata und Gelenkzerstörung.
Muskelungleichgewichte und Kontrakturen tragen oft zur Richtung der Verschiebung bei [1]. Beispielsweise kann bei einer Zerstörung des Hüftgelenks (z. B. durch Infektion oder schwere Arthritis) der Muskelzug zu einer Migration des Femurkopfes nach oben führen [1]. Im Knie können Kontrakturen der ischiocruralen Muskulatur einen schwachen Quadrizeps überwinden, was zu einer posterioren Subluxation der Tibia führt [1].
Die Diagnose umfasst eine klinische Beurteilung in Kombination mit bildgebenden Verfahren (Röntgen, CT, MRT), um die Knochenzerstörung und die Gelenkausrichtung zu beurteilen [1]. Die Behandlung konzentriert sich in erster Linie auf die Behandlung des zugrunde liegenden Krankheitsprozesses [1]. Repositionsmanöver (Redressation), Traktion oder Orthesen können verwendet werden, um die Ausrichtung zu verbessern, aber die Stabilität ist oft beeinträchtigt [1]. Die definitive Behandlung kann einen Gelenkersatz (Arthroplastik) oder eine Versteifung (Arthrodese) umfassen, sobald die Grunderkrankung kontrolliert ist [1].
Differentialdiagnose von Gelenkverletzungen
| Zustand | Hauptmerkmale / Unterscheidungsmerkmale | Typische Untersuchungen / Befunde |
|---|---|---|
| Gelenkluxation | Offensichtliche Deformität, Verlust der normalen Gelenkkontur, Unfähigkeit, das Gelenk zu bewegen, starke Schmerzen, Gliedmaße in fixierter/abnormer Position gehalten. Vorgeschichte eines signifikanten Traumas. Federnde Blockade bei passiver Bewegung. | Röntgen bestätigt den vollständigen Kontaktverlust zwischen den Gelenkflächen. Überprüfung des neurovaskulären Status. CT für Begleitfrakturen. |
| Gelenksubluxation | Teilweise Verschiebung der Gelenkflächen. Gefühl der Instabilität, "Nachgeben" oder "Knallen". Kann sich spontan reponieren. Schmerzen, Schwellung, eingeschränkte Bewegung. Deformität weniger offensichtlich als bei Luxation. | Klinische Untersuchung zeigt Schlaffheit bei Belastungstests. Röntgenbilder können normal sein oder eine leichte Fehlstellung zeigen. Belastungsaufnahmen oder MRT können Instabilität/Bandverletzung bestätigen. |
| Fraktur (intraartikulär oder periartikulär) | Lokalisierte knöcherne Druckempfindlichkeit, Schmerzen, Schwellung, Deformität, Unfähigkeit, Gewicht zu tragen/Gliedmaße zu benutzen. Krepitation (Reiben) kann vorhanden sein. Gelenkausrichtung kann erhalten bleiben (außer bei Luxationsfraktur). | Röntgen zeigt Frakturlinie. CT liefert Details zum Frakturmuster, insbesondere zur Gelenkbeteiligung. |
| Schwere Banddehnung/-ruptur | Erhebliche Schmerzen, Schwellung, Bluterguss, Druckempfindlichkeit über dem Band. Instabilität bei Belastungstests. Möglicherweise wurde ein "Knallen" gespürt. Keine grobe knöcherne Deformität. | Klinische Untersuchung ist entscheidend. Röntgenbilder meist normal (können Abriss zeigen). MRT bestätigt Bandriss und Schweregrad. |
| Sehnenruptur (z. B. Achillessehne, Bizeps, Patella) | Plötzlicher Schmerz, oft das Gefühl, "getroffen" zu werden oder ein "Knallen". Schwäche/Unfähigkeit, eine spezifische Bewegung auszuführen, die mit dieser Sehne verbunden ist. Tastbarer Defekt in der Sehne. | Klinische Untersuchung zeigt spezifischen Funktionsverlust. Ultraschall oder MRT bestätigt Sehnenriss. Röntgen kann damit verbundenen Abriss zeigen. |
| Septische Arthritis | Akut einsetzende starke Gelenkschmerzen, Schwellung, Überwärmung, Rötung, Fieber, Schüttelfrost. Deutliche Einschränkung der aktiven und passiven Bewegung aufgrund von Schmerzen. | Gelenkpunktion ist diagnostisch (hohe Leukozytenzahl, positive Gram-Färbung/Kultur). Erhöhte Entzündungsmarker im Blut (Leukozyten, BSG, CRP). Röntgen kann Erguss/spätere Gelenkspaltverschmälerung zeigen. |
| Akute Gicht / Pseudogicht | Plötzlich einsetzende starke Gelenkschmerzen, Schwellung, Rötung, Überwärmung (oft Großzehengrundgelenk bei Gicht). Ähnelt einer Infektion. | Gelenkpunktion zeigt Kristalle (Urat bei Gicht, CPPD bei Pseudogicht). Harnsäurespiegel im Serum kann hoch sein (Gicht). |
Referenzen
- Skinner HB, McMahon PJ. Current Diagnosis & Treatment in Orthopedics. 5th ed. McGraw Hill; 2014. Chapter 3: General Considerations of Musculoskeletal Trauma & Chapter on specific joint dislocations.
- Roberts DM, Khasriya R, Malone-Lee J. Joint Dislocations. BMJ Clin Evid. 2011;2011:1109. (General overview).
- Rockwood CA, Green DP, Bucholz RW, Heckman JD. Rockwood and Green's Fractures in Adults. 8th ed. Lippincott Williams & Wilkins; 2014. Relevant chapters on specific joint dislocations and fractures.
Siehe auch
- Achillessehnenentzündung (Paratenonitis, Achillobursitis)
- Achillessehnenverletzung (Dehnung, Ruptur)
- Verstauchung von Sprunggelenk und Fuß
- Arthritis und Arthrose (Osteoarthrose):
- Autoimmune Bindegewebserkrankungen:
- Ballenzeh (Hallux valgus)
- Epikondylitis ("Tennisarm")
- Hygrom (Überbein)
- Gelenkankylose
- Gelenkkontrakturen
- Gelenkluxation:
- Verletzung des Kniegelenks (Bänder und Meniskus)
- Metabolische Knochenerkrankungen:
- Myositis, Fibromyalgie (Muskelschmerzen)
- Plantarfasziitis (Fersensporn)
- Tenosynovitis (infektiös, stenosierend)
- Vitamin D und Parathormon



